Achtung Fälschung – Teil 2: Wagenfeld Tischleuchte

8. April 2014

Fälschung und Original der Wagenfeld Tischleuchte WG24 - der Unterschied im Design ist beim direkten Vergleich nicht zu übersehen!

In unserem zweiten Teil der »Original vs. Fälschung«-Serie befassen wir uns mit einem Bauhaus-Designklassiker: der bekannten Wagenfeld Tischleuchte in ihrer Glasversion WG24. Neben der schon im ersten Teil »Eames Armchair« untersuchten Material- und Originaltreue steht hier jedoch ein gravierender Konstruktionsfehler des Plagiat‌s im Mittelpunkt …

Fehlkonstruktion am Plagiat: nur ein billiger Klebepunkt hält die Konstruktion aufrecht!Die Teconolumen Leuchte weist im Design eine gefräste Glasplatte mit verschraubtem Fuß auf!

Starten wir mit dem schwerwiegenden Unterschied zwischen verführerisch günstigem Plagiat und dem lizensiert hergestellten Designklassiker aus dem Hause Tecnolumen: dem Glasfuß der WG24 Tischleuchte. Mit bloßem Auge ist der Konstruktionsfehler der Fälschung zu erkennen, denn der gesamte, recht schwere Aufbau der Leuchte wird lediglich mit einem einzigen Klebeklecks an der Glasplatte gehalten. Hier braucht keiner lange zu diskutieren, es ist nur eine Frage der Zeit, wann das Klebemittel seine Elastizität verliert und der gesamte Leuchten-Aufbau einfach umkippt und zerschellt.

Design im Detail: Verschraubung der Leuchten-Konstruktion der Tecnolumen Tischleuchte nach originalen Bauhaus-Bauplänen von Wilhelm Wagenfeld

Schon in seinen jungen Jahren am Bauhaus setzt Wilhelm Wagenfeld auf eine grundsolide Konstruktion: Nicht nur in seinen Bauplänen von 1924 wird die Glasplatte mittig ausgefräst und der aufgesetzte Leuchten-Fuß mittels zweier Inbusschrauben befestigt, auch Tecnolumen verfährt selbstverständlich in der heutigen Produktion originalgetreu im Design.

Fälschung mit offenliegender Gewindestange in Glasröhre und nicht gesichertem TextilkabelOriginal-Fuß der Wagenfeld Tischleuchte WG24 mit eingefasster Glasröhre und gesichertem Textilkabel

Wandern wir mit unserem Blickpunkt von der Unterseite auf die Oberseite der Glasplatte: Da der Aufbau der Fälschung nur mit einem Klebeklecks an der Glasplatte befestigt ist, reicht ein simpler Metall-Tubus, um einerseits die Glasführung und die stümperhafte Gewindestange aufzunehmen, andererseits die in der Gewindestange verlaufende Stromzufuhr aus einem grob ausgesägten Loch als Textilkabel herauszuführen. Weitaus komplexer gestaltet Wilhelm Wagenfeld seine Tischleuchte auch oberhalb der Glasplatte, so dass dank ausgeklügelter Verschraubungen keinerlei »unschöne« Details des Fußes im Design offenbart werden und selbstverständlich das Textilkabel mittels einer gesicherten Gummimuffe das Gehäuse verlässt.

Windschiefes Plagiat aufgrund des gravierenden Konstruktionsfehlers mit KlebekleksWilhelm Wagenfeld und seine durch und durch ausgeklügelte Tischleuchte im Original Design aus Tecnolumen Produktion

Dass die Fehlkonstruktion der Fälschung zu einer auffallenden Schiefe unseres Exemplares führt, lassen wir mal als gelegentlichen Produktionsfehler gelten. Schließlich ist es ungemein schwierig, die schwere Metall-Glas-Konstruktion gerade aufzukleben. Neben der markanten Schiefe weist das Plagiat auch unterschiedliche Abmessungen auf: Die Glasplatte ist kleiner und dünner, die Leuchte insgesamt viel größer, wobei der weiße Glasschirm annähernd gleich groß wie das Original ist, jedoch deutliche Dellen in seinem ebenfalls zweischichtigen Glasaufbau aufweist. Vor allem aber die unterschiedliche Umsetzung der oberen Lampenhalterung an Plagiat und Original: Schon in der Übersicht beider Leuchten ist die unterschiedliche Höhe der metallenen Halterung der weißen Glashaube und der Lampenfassung offensichtlich.

Zugschalter der Fälschung: angesichts der simplen Verarbeitung hilft auch kein verchromter Glanz!Zugschalter der Tecnolumen Tischleuchte: technisch präzis umgesetzte Leuchten-Konstruktion mit Metall-Lampengewinde!

Um den Zugschalter offenbaren sich die Unterschiede auf den ersten Blick: Das Plagiat glänzt in verchromt dicken Tuben mit aufgeschweißter Zugführung und selbstverständlich grüßt auch am oberen Ende des Ständers die Gewindestange als Fehlplanung. Das Tecnolumen Original becirct dagegen in technischer Präzision: Wilhelm Wagenfeld versteckt in seiner Leuchten-Konstruktion keineswegs den technischen Aspekt, sondern zeigt unverhüllt das Metallgewinde der Lampenfassung, die auf den Ständer der Tischleuchte fein säuberlich aufgeschraubt ist. Der Zugschalter vollbringt ein satt angenehmes Einschalten der Leuchte, seine geöste Zugführung und schwere Gegengewichtkugel verhindert ein Kräuseln des Bandes.

Fassung der Fälschung: die gewöhnliche Kunststoff-Lampenfassung befestigt mittels Plastikring die verchromte Metallhalterung der Glashaube!Wilhelm Wagenfeld konstruiert die vernickelte Metallhalterung der Glashaube direkt angeschweißt an die metallene Lampenfassung, die zur Isolierung über keramischen Boden verfügt!

Bei der Lampenfassung greift das Plagiat zur standardisierten Lampenfassung aus Kunststoff, die weitaus später entwickelt wurde als das Tecnolumen Original! Das wiederum weist eine originalgetreue Metallfassung mit außen sichtbarem Lampengewinde und isolierendem Keramikboden auf. Selbstverständlich entspricht diese Fassung heutigen technischen Standards wie die zahlreichen Prägungen auf dem Keramikboden verraten. Gravierender wird der Fehlgriff der Fälschung anhand der Metallhalterung für die Glashaube, die einfach in die Kunststofffassung mittels des schraubbaren Plastikringes geklemmt wird. An der originalgetreuen Tecnolumen Tischleuchte ist diese vernickelte Metallhalterung an die Metallfassung fest verschweißt.

Statt Originalität wird an verdeckter Stelle der hiesige Baumarkt konsultiert: gewöhnliche Schlitzschraube mit Gummihütchen zur Fixierung der Glashaube!Rändelschraube mit feiner Griffelung zum feinen Justieren der Glashaube am Original Design der Wagenfeld Tischleuchte von Tecnolumen

Und wieder pfeift das Plagiat auf die Werkstreue und greift zum günstigen Standard: Eine billige Schlitzschraube mit Gummiumhüllung des Gewindes fixiert den Glasschirm. Nur wie man zwischen Lampenfassung und Glashaube mittels Schraubenzieher die moderne Schlitzschraube anziehen soll, bleibt unbeantwortet. Da loben wir uns die originalgetreue Wagenfeld Tischleuchte aus dem Hause Tecnolumen, deren drei Rändelschrauben griffig den Glasschirm justieren und fixieren lassen.

Plagiat mit Flachstecker - fern von aller Originaltreue!Zwar weist das Tecnolumen Original Design einen modernen Schukostecker auf, der aber aus Sicherheitsgründen nicht mehr verschraubt, sondern verschweißt am Textilkabel ausgeliefert wird.

Dass das Plagiat statt einem Schukostecker über einen Flachstecker verfügt, ist angesichts der Tatsache, dass Tecnolumen aus Sicherheitsgründen auch auf einen modern verschweißten Schukostecker zurückgreifen muss, nahezu unerheblich. Viel schwerwiegender als all die aufgezeigten Details im Design bleibt der eingangs erwähnte Konstruktionsfehler der Fälschung (der Klebeklecks!), der unweigerlich über kurz oder lang zu einem Bruch führt. Angesichts dessen ist ein Drittel des Preises für das Plagiat noch viel zu hoch gegriffen. Das letzte Wort in diesem Vergleich geben wir jedoch Wilhelm Wagenfeld, der sich schon in der schnelllebigen Nachkriegszeit über Design, Qualität und Preis auseinandersetzte:
»Wir können nicht wirtschaftliche Interessen dulden, die unserem kulturellen Leben widersprechen. Wo wir Dinge produzieren, die wir morgen wegwerfen, weil sie nicht viel kosteten, dann können wir auch keine Musik, keine Architektur und keine Dichtung mehr erwarten, die über den Augenblick hinaus nicht schon vergessen sind. Wir brauchen langlebige Qualitätswaren, (die eine sorgfältige Modellentwicklung voraussetzen).« In diesem Sinne finden Sie das Tecnolumen Original in unserem

ikarus...design shop

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12 Antworten zu “Achtung Fälschung – Teil 2: Wagenfeld Tischleuchte”

  1. karin nowak sagt:

    DANKE! – Eigentlich “fühlt” man das Original. Aber gut zu wissen, woran man es direkt erkennt.

  2. Maria Ast sagt:

    Diese Serie macht für mich mal sehr viel Sinn, ärgere ich mich doch jedesmal über die “Billignachahmer” (nicht nur bei Möbeln/Dingen, sondern auch von geistigem Eigentum). Grad gestern meiner Wut darob in meinem Blog mit einem Zitat von JOHN RUSKIN Luft gemacht:

    “Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen kann und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Menschen.”

    Danke für Ihre wirklich wertvolle ‘Aufklärungsarbeit’!

  3. Sandra Karow sagt:

    Was eine super Idee! Ich hoffe sehr, das der …design blog dazu beiträgt, das die Menschheit wieder ein Qualitätsverständniss und -bewußtsein bekommt. Dieser ” Dusch mich und mach mich nicht nass – Anspruch” an den Einzellhandel geht mir ziemlich auf die Nerven. Meine Deviese: Kauf was du vererben und nicht was du wegwerfen würdest! In diesem Sinne – Danke für diesen Blog!!!!!

  4. Robert sagt:

    Gute Idee! Kurz knapp und mit Fotos anschaulich die Qualitätsunterschiede belegt

  5. Sabine sagt:

    Einfach wunderbar!Hier kann man spielend lernen,was Qualität bedeutet…die dann aber auch ihren Preis hat.Weiter so!!

  6. Ute sagt:

    Tolle Sache! Danke für die exakten Hinweise und die Detailfotos.
    Leider leben wir in einer Geiz-ist-geil-Gesellschaft, die den Blick für Qualität und gute Handwerksleistung verloren hat. Auch ich lasse mich gerne mal von einem “Schnäppchen” zum Kauf verleiten – und bin dann meist enttäuscht über die mangelnde Qualität bzw. Haltbarkeit.

  7. Andreas sagt:

    Interessante Serie. Ich könnte mir aber auch vorstellen die Fälschung zu kaufen, wenn ich einfach nur eine Lampe brauche (und diesen Zweck erfüllen ja beide), mir das Design gefällt und ich nicht gleich € 600,- ausgeben will.

    Ich erinnere mich noch, wie meinem Bruder bei Kinderbesuch die Wagenfeld vom Regal geräumt wurde und irreparabel auf den Boden knallte. Bei einer Ikea-Lampe kann man das gelassen weglächeln.

  8. Andreas sagt:

    Interessant! Mich würde ein Bericht über den Eames Lounge Chair interessieren, vielleicht nicht unbedingt über die ganz billigen fakes, sondern ein Vergleich mit denen, wo man auch die Polster abnehmen kann.

  9. Maren Tuenker sagt:

    Um ehrlich zu sein, ist uns dieser Vergleich etwas zu teuer, schließlich kaufen wir das Fake ein, um es komplett zu untersuchen und zu fotografieren. Aus Erfahrung kann ich sprechen, dass meist das “Leder” schlecht verarbeitet oder so ein regeneriertes Leder ist. Das Gestell ist meist so lala poliert (optischer Fehler) und die Verbindungen “arbeiten” über die Jahre hinweg, bis es wackelig wird. Je teurer das Plagiat, desto besser ist die Verarbeitung – aber bei der Investition sollte man besser sparen fürs Original, das wirklich gut verarbeitet ist. Man kann sich den Zusammenbau im Übrigen im VitraHaus in Weil am Rhein anschauen…
    Viele Grüße Maren Tünker

  10. Ilona Reimers sagt:

    Toll,
    ich hatte mir gerade eine 2. Wagenfeld Lampe gekauft. Meine alte ist schon 25 Jahre alt. Der neue Schirm meiner Wagenfeld ist aber dünner und einen Tick größer. Aber alles andere stimmt.
    Ich habe einen kleinen Rand bei dem neuen Schirm und hätte mich gefreut, wenn der Schirm nochmals extra abgebildet worden wäre.

  11. Martin sagt:

    Interessanter Beitrag zum Thema Fälschungen. Bei diesem Beispiel ist die Fälschung schlecht gemacht und der Unterschied ist mit ein wenig Wissen über das Original schnell entlarvt – besonders der Fuß der Lampe! Auf der anderen Seite könnte ich mir einen verbesserten Nachbau zum Original oder eine Überarbeitung vom Original gut vorstellen. Ich wäre sicher nicht der erste Besitzer eines alten Originals, der den Zugschalter in der Hand hält!?!

  12. Heike Bernhard sagt:

    Hallo,
    meine Lampe hat in der Glasplatte leider einen kleinen Schaden (Absplitterung). Kann ich bei Ihnen eine ORIGINAL Ersatzplatte kaufen ? Online traue ich mich einfach nicht !
    Danke und freundliche Grüße,
    H. Bernhard

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