Stil-Macher Flötotto

18. August 2015

PRO Stuhl von Konstantin Grcic mit Buchenholzgestell – ein zeitlos modernes Design von Flötotto für Büro, Küche & Wohnzimmer

Dass sich Flötotto seit über hundert Jahren für hochwertige Möbel einsetzt, ist jedem bekannt, der Stunden über Stunden in der Schule abgesessen hat: In den 1950er Jahren revolutioniert die ostwestfälische Marke den Schulstuhl, in den 1970er Jahren das Regalsystem. Viele Gründe die Stil-Macher hinter Flötotto, die Firmeninhaber Elmar und Frederik Flötotto, ein paar Fragen zu stellen:

Pag-Stuhl »Formsitz« – das Schulstuhl-Design der 1950er bis 1970er Jahre!

Welches Design, welcher Gestalter oder Ereignis hat Ihren Werdegang beeinflusst?

Flötotto: Die Markteinführung der PRO Stuhl-Serie im Jahr 2012! Die Neuauflage und zeitgemäße Interpretation des berühmten Schulstuhl‌s aus Pag-Holz, der sogenannte »Formsitz« Stuhl, von dem wir in den 1950er Jahren mehr als 21 Millionen Stück verkauft haben. Bis heute ist die Bekanntheit unserer Marke eng mit dem Thema Schulstühle verbunden. »Es gibt eine Flötotto DNA, die in der speziellen Form der Sitzschale und der damit einhergehenden Funktionalität begründet ist. Wir wollten an unsere Historie anknüpfen, dies aber in innovativer Weise tun«, sagt Geschäftsführer Frederik Flötotto. »Als wir Konstantin Grcic baten, uns bei der Entwicklung eines neuen Schulstuhl‌s zu unterstützen, war klar, dass es um extrem hohe Ansprüche an Ergonomie und Funktionalität ging, die wir mit zeitgemäßer Gestaltung und Materialqualität verbinden wollten«, so Frederik Flötotto. »In die Entwicklung flossen aktuelle Erkenntnisse zu Anforderungen an Schulmobiliar ein – in einschlägigen wissenschaftlichen Studien wird seit einigen Jahren im Gegensatz zu früheren Jahren heute vor allem ein »dynamisches Sitzen« gefordert. Das Ergebnis ist mit PRO ein komplett »offener« Stuhl, der Bewegungen des auf ihm Sitzenden in alle Richtungen nicht nur zulässt, sondern fördert. So kommt ein besonderer Sitzkomfort zustande, der über den Einsatzort Schule schnell hinaus wies.« Dazu Elmar Flötotto: »In diesem Projekt steckt viel Herzblut und nicht in erster Linie kommerzielles Denken. Dieser neue Stuhl bringt eine wirkliche Verbesserung, er löst viele heute längst geforderte Details, ohne eine »Sitzmaschine« zu sein.«
Überdies fand es Konstantin Grcic spannend, eine neue Typologie eines Schulstuhl‌s zu entwerfen. Dabei gefiel ihm auch der Gedanke, den Schulstuhl aus dem Dornröschenschlaf zu wecken, da in den letzten 30 Jahren nicht viel in diesem Segment passiert ist. Abgesehen von dem »PantoSwing«, der Mitte der 1990er Jahre von Verner Panton entstand, gab es im Bereich Schulmöbel keine bemerkenswerte Entwicklung. Die Bekanntheit des Designers ist kein Garant dafür, dass ein Produkt erfolgreich wird. Es ist vielmehr die Leidenschaft für das Thema und die Recherche, in die der Designer sich vertieft. Gutes Design ist, die Aufgabe zur Zufriedenheit des Nutzers zu lösen. Konstantin Grcic hat die umfangreiche PRO Stuhl-Serie mit sehr großer Leidenschaft entwickelt.

PRO Stuhl mit Chromgestell von Konstantin Grcic – der moderne Schulstuhl aus Polypropylen mit diversen Gestellen

Wie verläuft der Weg eines Produktes? Von der Idee über den Entwurf und Prototyp bis zur Fertigstellung?

Flötotto: Schauen wir es uns am Beispiel der PRO Kollektion an: Die ursprüngliche Idee, »nur« einen Schulstuhl zu produzieren, erweiterte sich im Laufe eines intensiven gemeinsamen, gut zwei Jahre währenden Entwicklungsprozesses mit dem Büro Konstantin Grcic Industrial Design. Es lag für Flötotto und Konstantin Grcic nahe, sich zunächst auf das Material Pag-Holz zu konzentrieren. Pag-Holz – ein verdichtetes, mit Phenolharz getränktes Buchensperrholz – diente zur Herstellung des flexiblen und besonders ergonomisch geformten »Flötotto Formsitz‌es«, der bereits 1952 patentiert wurde …
Im Verlauf der Entwicklung wurde aber deutlich, dass Pag-Holz die heutigen hohen Ansprüche an Flexibilität eines Stuhl‌es nicht mehr erfüllen konnte und vor allem wenig Spielraum in der dreidimensionalen Gestaltung zuließ. Deshalb entschied sich Konstantin Grcic gemeinsam mit Flötotto für den Einsatz von Polypropylen. Die Entscheidung für Kunststoff bedeutete, die Sitzschale industrieller herzustellen – was die Bereitschaft der Familie Flötotto zur Investition in teure Spritzguss-Werkzeuge erforderte. »Damit war die Entscheidung gefallen, ein wirklich modernes Produkt zu produzieren, das für die Herstellung von großen Stückzahlen vorgesehen ist«, so Konstantin Grcic.

Profilsystem – Designklassiker aller Regale und Schränke zum individuellen Kombinieren seit den 1970er Jahren

Welches Produkte war Ihr großer Erfolg versus Ihr meist gelungenes Design?

Flötotto: Das Profilsystem, das im Jahr 2012 seinen 40. Geburtstag feierte, weil aus einem Lebensgefühl Kult wird. »Wenn Sie jetzt gleich mal zu Ihrem Kiosk an der Ecke gehen, bekommen Sie dort für 50 Pfennig einen prima Möbelkatalog!« – so lautet ein bekannter Werbespruch in den 1970ern. Die design- und stilbewussten Deutschen folgten dem Aufruf, als hätten sie nur darauf gewartet, dass Flötotto ihnen ein Profilsystem in die Wohnung bringt. Heute ist das Profilsystem ein Stück unserer Alltagskultur – ein Klassiker, der sich über die Trends aller Jahrzehnte hinweggesetzt hat und der seit über 40 Jahren in Ostwestfalen produziert wird. Und die Kunden erhalten bei uns Ersatzteile für ihre in die Jahre gekommenen Möbel – das verstehen wir unter Nachhaltigkeit. Deshalb hören wir nicht selten, dass die Möbel über Generationen hinweg vererbt und mitgenommen werden. Lesen Sie dazu auch unsere kleine Zeitreise des Profilssystems auf www.floetotto.de.

ADD Regale, Sideboards und Lowboards von Werner Aisslinger – Design fürs moderne Wohnen und Arbeiten

Welche kommenden Herausforderungen sehen Sie im Bereich Design? Wie wird sich das Wohnen in Zukunft verändern? Fortschreitende Technisierung oder Rückbesinnung auf das Handwerkliche?

Flötotto: Design bestimmt unser Stimmung, unsere Offenheit und unser Wohlfühlen im Raum. Dazu gehören auch Farben. Immer wieder hören wir von Schulen, wie sehr sich die Lernbereitschaft von Kindern erhöht und die Gewaltbereitschaft reduziert, wenn eine Schule hell, farbenfroh und modern eingerichtet ist. Wir Menschen identifizieren uns mit unserem Umfeld, das fängt schon bei den Kleinen an. Für die Großen gilt: Arbeit ist das halbe Leben. Mal im klassischen Büro, mal im Home Office. Grund genug, wählerisch zu sein, was die Möblierung angeht. Was muss ein Möbel können, damit wir es in unser Haus, in unsere Wohnung lassen? Es muss uns zunächst einmal formal gefallen. Sein Design muss uns ansprechen, im Idealfall sogar berühren. Dann muss es komfortabel sein. Am besten so komfortabel, dass es sich auch an den längsten Abenden noch gut anfühlt.

Wir alle leben in einer schnelllebigen, modernen Welt mit rasantem technischem Fortschritt. Ein Rückzugsort, eine private Wohnoase, ist dabei ganz wichtig. Genau hier findet die Besinnung auf echte Werte, Nachhaltigkeit und Zukunft statt. Überdies hat die Menschheit die Verpflichtung, eine nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten, um sicherzustellen, dass die Bedürfnisse von heute erfüllt werden, ohne das Recht der künftigen Generationen auf deren eigene Bedürfnisse zu verletzen. Wir sind davon überzeugt, dass eine umweltbezogene Produktinnovation zukünftig ein wichtiges Element in der Wettbewerbsstrategie sein wird und eine hohe gesellschaftliche Beachtung findet. Es gilt echte Fortschritte auf dem Weg zur Nachhaltigkeit zu erreichen.

Drehstuhl der PRO Serie von Konstantin Grcic ist ein ideales Design zum Arbeiten, ob zu Hause oder im Büro

Was verärgert Sie an der Umsetzung von Design im Alltag?

Frederik Flötotto: Das Klischee des Chefbüros, von dem aus das Konzerngeschehen geleitet wird, hält sich hartnäckig: Ein lichtdurchfluteter Raum mit dezent-grauem Bodenbelag, ein großer weißer Schreibtisch direkt am Panoramafenster, nah herangerückt der gepolsterte schwarze Bürostuhl, von dem aus der Blick weder über allzu große Papierstapel gleitet noch an unverchromten Accessoires hängen bleibt. Kaum eine Familiensaga im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, kein Wirtschaftsthriller auf privaten Kanälen kommt heute ohne einen Patriarchen aus, in dessen heiliger Halle um Aktien und Anteile geschachert wird. Dabei sind die dort ausgestellten, stereotypen Insignien milliardenschwerer Macht stets die gleichen. Ob eine Arco-Stehleuchte von Achille Castiglioni, die mit ihrem über 60 kg schweren Carrara-Marmorblock leider mittlerweile zum sicheren Aushängeschild arrivierter Design-Kennerschaft avanciert ist, oder ein Montblanc-Meisterstück, das dekorativ abgelegt wurde – eher selten finden sich für die Öffentlichkeit unbekannte Designklassiker wie beispielsweise der Egon-Eiermann-Tisch oder der Home-Desk von George Nelson für Vitra im Portfolio der Szenenbildner.
Zwar unterliegt auch das Mobiliar zum Lernen, Studieren und Arbeiten dem Wandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft, den Produktionsmöglichkeiten und technologischen Innovationen und somit einer sich verändernden Designsprache, wird aber eher träge angenommen: Was Ende der 1950er Jahre in »niederen« Amtsstuben mit Holztischen und -stühlen, gelehnt an blecherne Aktenschränke und geduckt unter grünbefilzten Schreibtischunterlagen begann, wurde in dem Heinz-Erhardt-Klassiker »Was ist denn bloß mit Willi los?« (1970) zum Beginn der Persiflagen auf Finanzbeamte und ihre staubtrockene Arbeitsumgebung, der man durch Verweigerung schnellstmöglich zu entrinnen suchte. Und lange vor Stromberg und Co. flimmerte mit der Vorabendserie »Büro, Büro« (1981–1992) das Leiden der Olivetti-Benutzer in westdeutsche Wohnzimmer und legte den Grundstein für Indiskretionen und Intrigen rund um den Arbeitsalltag. Was man auch hier nicht sah: die Idee einer sich verändernden Schreibtischarbeit, weg von starren Plätzen hin zu modularen »Work-Spaces«, die vor allem im US-amerikanischen Raum und in Kreativschmieden der Werbewirtschaft zu finden waren und fahrbare Bürokomponenten wie »Mobil« von Antonio Citterio und Glen Oliver Löw für Kartell zu ihrem Markenzeichen machten.

ADD Systemmöbel von Werner Aisslinger – modernes Design für Büro & Wohnzimmer

Obgleich zu allen Zeiten bereits zahlreiche Großraumbüros und Konferenzräume mit dem Profilsystem von Flötotto eingerichtet wurden, ist uns leider kein Film bekannt, in dem der Designklassiker eine Hauptrolle spielte. Dem Pagholzstuhl wurde manchmal eine kleine Statistenrolle zuteil – Jugendfilme, in denen Schüler auf ihren Sitzen kippeln und schaukeln wie einst der Zappel-Philipp, beispielsweise »Das fliegende Klassenzimmer« oder »Breakfast Club«, könnten hierfür zumindest spannende Quellen sein und haben uns inspiriert, der Frage nach der Zukunft des Arbeitens und Lernens höchste Priorität einzuräumen. Das Ergebnis ist die von Konstantin Grcic entwickelte Stuhl-Kollektion PRO, die explizit zum Positionswechsel einlädt und dem Vorurteil des gesunden Stillsitzens Einhalt gebietet. Denn nur wer in Bewegung bleibt, lernt Denken, und wer denkt, bewegt etwas.

Und doch ist anzumerken: Was als Setting mit Wohnflair versprühendem Büromobiliar auf Fachmessen wie der Orgatec oder in eher lifestyleorientieren Präsentationen auf der Mailänder Möbelmesse dargeboten wird, findet noch zu selten Eingang in den Büroalltag – sei es den »realen« und somit auch den »fiktiven«, der wiederum in den realen zurückspiegelt. Wichtig ist die Beobachtung, die Expedition zu den Schreibtischen der Arbeitswelt, um Schreibtischentwürfe ohne Bezug zu vermeiden. Wer bei empirischer Sozialforschung jetzt zusammenschreckt, dem sei ein Team international renommierter Designer und Ingenieure empfohlen, die sich mit flexiblen Anforderungen im weltweiten Markt beschäftigen. Denn einen Schönheitsfehler, verankert im kulturellen Verständnis westlicher Traditionen, hat das zu Beginn skizzierte Chefbüro auch ohne Kritik am Mobiliar: Es handelt sich um einen nach japanischem Verständnis »madogiwa zoku« – einen unnützen Fenstergucker mit Scheinaufgaben …

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