Stühle über Stühle im Vitra Schaudepot

26. Juli 2016

Vitra Schaudepot in Weil am Rhein (rechts) neben dem Feuerwehrhaus von Zaha Hadid (links) und den Produktionshallen im Hintergrund

Der viel besuchte Campus des Schweizer Herstellers Vitra ist um eine Sehens­würdigkeit reicher: Das trutzige Schaudepot verbirgt in seinem Inneren eine umfangreiche ständige Ausstellung feinster Designklassiker, ihre Prototypen und Skizzen …

Feuerrote Klinkerwand des neuen Schaudepot‌s von Herzog & de Meuron – mit Blick auf das betongraue Feuerwehrhaus von Zaha Hadid

Wer einmal der Sammelleidenschaft verfallen ist, kennt das Problem der Platznot: Erstens möchte man alles gut bewahren, zweitens es ausreichend präsentieren. Aus diesem Grunde stiftet Rolf Fehlbaum in den 1980er Jahren den amerikanischen Architekten Frank Gehry an, ein Museum auf dem hauseigenen Campus in Weil am Rhein zu bauen, um endlich seine umfangreiche Sammlung feinster Designklassiker und ihre Prototypen angemessen zu zeigen.
Zwar zeigt das 1989 eröffnete Vitra Design Museum anfangs zahlreiche Ausstellungen aus der Sammlung Rolf Fehlbaums, etabliert sich aber im Laufe der Jahre zu einem innovativeren Museumskonzept, das weltweite Wanderausstellungen kreiert. Kurzum, die einmalige Entwicklungsgeschichte der Designklassiker, die nun mit einer weiteren Sammlung zahlreicher Bugholz-Möbel des Gründungsdirektors des Museums Alexander von Vegesack gewachsen ist, steckt in unterirdischen Depots – fern aller Öffentlichkeit versteckt.

Im Vitra Schaudepot stehen im Obergeschoss Regal an Regal voller Designklassiker bekannter Größen: Design von den Gebrüder Thonet über Gerrit Rietveld, Alvar Aalto und Le Corbusier bis zu den amerikanischen Designern George Nelson, Alexander Girard, Ray & Charles Eames

Um dieses Missgeschick zu ändern, entwickeln die Basler Architekten Herzog & de Meuron, die auch schon das ungewöhnliche VitraHaus auf dem Campus konzipierten, einen neuen Bauplan für den bislang wenig der Öffentlichkeit gezeigten Westen des Firmengeländes. Zwischen dem imposanten Feuerwehrhaus von Zaha Hadid und den Produktionshallen von Nicholas Grimshaw und Alvaro Siza entsteht angelehnt an eine alte Lagerhalle das neue Schaudepot. Der geradlinige, fensterlose Bau greift zwar das Material der alten Lagerhalle und der Produktionshalle von Alvaro Siza auf, aber Herzog & de Meuron setzen der kargen Außengestaltung einen optischen Reiz: Ähnlich der fast gleichzeitig erstellten Erweiterung der Tate Modern Gallery in London zeigen die handgefertigten Klinker aufgrund der ungewöhnlichen Mauerung ihre Bruchstruktur.

Vom Marshmallow Sofa der Popkultur der 1960er Jahre über Memphis Design eines Ettore Sottsass bis futuristisches Design der Jahrtausendwende um Ron Arad, Zaha Hadid und Tom Dixon

Auch wenn das Schaudepot trutzig, fast abwehrend durch seinen fensterlosen Klinkerbau erscheint – natürliches Licht tut keiner Sammlung gut. Im Innenraum setzen Herzog & de Meuron auf eine karge Ausstattung, die den Charakter eines Depots unterstreicht: Geweißte Decken und Wände reflektieren maximal das blendfreie Licht der an der Decke befestigten LED Lichtröhren. Der polierte Betonboden verträgt eventuelles Hin- und Hergerücke der lichten Regale, in denen ohne großes Aufheben über 400 Designklassiker an Designklassiker von 18oo bis heute stehen – hier eine Reihe feinster Bugholzmöbel aus Thonet-Produktion, dort seltene Stühle und Sessel von Gerrit Rietveld, Le Corbusier, Alvar Aalto, George Nelson, Ray & Charles Eames, Tom Dixon und Ron Arad – sogar jüngste Entwürfe aus dem schwer angesagten 3D Drucker.

Schauwände zum Anfassen und Erleben von Design, den verwendeten Materialien und diversen Verarbeitungstechniken im Vitra Design Lab

Um die Entwicklungsgeschichte einzelner Prototypen samt ihrer Skizzen und ihre Materialien zu verdeutlichen sind im Schaudepot Schauwände zum Anfassen und Erleben installiert. Ein Blick in die Schubladen lohnt sich, denn hier werden die kleinen, aber meist wichtigen Details verraten! Während im Untergeschoss viele Räume sich nur durch einen Blick hinter Glas eröffnen, zeigt das Schaudepot auch kleine Showrooms aus dem Nachlass verschiedener Designer, zum Beispiel das nachgebaute Büro von Charles Eames:

Schaudepot Design im Untergeschoss: Als Schaukasten wurde das ehemalige Büro von Charles Eames aus seinem Nachlass rekonstruiert

Lust in die Geschichte der Stühle und anderer Designklassiker sich zu vertiefen? Das Vitra Schaudepot ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Mit Hilfe einer App lassen sich viele vertiefende Geschichten zu den ausgestellten Designklassiker‌n erfahren, die ansonsten nur schwerlich zu recherchieren sind.

Sie interessieren sich für Designklassiker zum Einrichten und Wohnen in den eigenen vier Wände? Dann stöbern und finden Sie Ihr Vitra Design im

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