Skål: Vitra Panton Chair

20. August 2010

Der Vitra Kunststoffstuhl-Freischwinger in RotWas für Kurven. Keine einzige gerade Linie. In einem Schwung von der Rückenlehne über die Sitzfläche bis zur Basis. Ein Stuhlbein? »Es gibt Vierbeiner, Dreibeiner, Einbeiner. Verner Panton entwarf einen Keinbeiner. Warum? Weil er aus Kunststoff gemacht wird. Eigenschaften und Fähigkeiten des Werkstoffs sind überzeugend ausgenutzt. Das aus der Form kommende Produkt ist der fertige Stuhl. Bitte nehmen Sie Platz.« Der Vitra Werbespruch aus den frühen 1970er Jahren beschreibt zwar nüchtern das einmalige Kunststoffstuhl-Design »Panton Chair«, zeigt aber mit wenigen Worten das weltbewegende Neue – ein Freischwinger in einem Guss aus Kunststoff gezogen. Ein schreiendes Pop-Art Design von Vitra in der ansonsten eher puristischen Möbelwelt wird nun 50 Jahre alt:

Fehlbaum & Herman Miller Werbung der späten 1960er / frühen 1970er Jahre

Um 1959/1960 reifte in Verner Panton die Idee, einen Freischwinger aus dem innovativen Material Kunststoff zu entwerfen. Angeregt durch seine Erfahrung im dänischen Design-Möbelbau, Sperrholz durch Dampf in Kurven zu biegen, versucht er dem Freischwinger-Konzept aus Bauhaus Zeiten auch in der Kostenfrage nahe zu kommen. 1963 zeigte der dänische Architekt dem Vitra Begründer Willi Fehlbaum und seinem Sohn Rolf einen tief gezogenen Kunststoffstuhl-Entwurf (siehe Foto unten). Sie waren fasziniert von dem eigenwilligen Konzept. Es dauerte noch ein paar Jahre bis es schließlich Verner Panton und Vitra gelang, diesen kühnen Design-Entwurf zur Serienproduktion zu verwirklichen. 1967 ging der geschwungene Kunststoffstuhl in Produktion. War das Entwurfsmodell aus fiberglasverstärktem Polyester wie der berühmten Eames Chair gefertigt, spiegelt der in Serienproduktion gegangene Panton Chair die geradezu rasante Entwicklung der Kunststoffindustrie wider:

Entwurf von 1960 aus Polysteron, Dansk Acryl Teknik

Nach einem Jahr ersetzten die Bayer-Werke ihren Luran-S Spritzguss mit Polyurethan-Hartschaum (Baydur), einem leichten Material mit geschäumten Kern und glatter Oberfläche, das in verschiedenen Farben aufwändig lackiert wurde. Ab 1971 setzt Vitra auf das günstiger zu verarbeitende Polystyrol. Der Kunststoffstuhl erhielt einen kleinen Schönheitsfehler: Kleine Lamellen verstärken den Übergang zwischen Sitzfläche und Basis, um ein Auseinanderbrechen zu verhindern. Und trotzdem ermüdet mit der Zeit das Material Polysterol und bricht schließlich – am liebsten an der seitlichen Wulst der Rückenlehne. Nichts als Ärger und Verdruss. Auf Initiative von Verner Panton nahm Vitra in den 1980er Jahren die Fertigung des zwar aufwändigeren, teureren, aber wenigstens zuverlässig funktionierenden Polyurethan-Hartschaum-Fertigungsverfahren wieder auf. Bis heute ist dieses teurere Verfahren als Liebhabermodell »Panton Chair Classic« erhältlich. Im Laufe der 70er und 80er Jahre verliert der Kunststoffstuhl-Kurvenstar an Bedeutung, andere Design-Entwürfe setzen sich durch. Bis eine gewisse Kate Moss 1995 für das Vogue Magazin auf einem Panton Chair aufreizend posiert. Eine Pop-Art Ikone revisited.

Kunststoffstuhl in matt durchgefärbtem Polypropylen

Begehrlichkeiten werden laut, der Verkauf der einstigen Pop-Art Ikone Panton Chair wird angekurbelt. Sowohl Vitra, als auch Verner Panton, überdenken das Herstellungskonzept des wiederbelebten Kunststoffstuhl-Freischwingers. Ein neuer Kunststoff – günstig im Spritzguss-Verfahren in einem Stück produzierbar, ohne eine zusätzliche Lackierung gleich in verschiedenen Farben hergestellt, recyclebar und vor allem äußerst strapazierfähig, macht die Runde: Polypropylen. Endlich ein Material, das den hohen Anforderungen des Kunststoffstuhl-Freischwingers gerecht wird, denkt Verner Panton und modifiziert in seinem letzten Lebensjahr seinen Designklassiker, so wie er sich den Kunststoffstuhl schon vor 40 Jahren vorstellte: Leicht, ohne kleine Flügelchen oder Lamellen als Verstärkung, ohne verdickte Wülste – einfach glatt in den Kurven und trotzdem robust. Auch zum Kindertoben geeignet. 1999 geht der neue, durchgefärbte Polypropylen Kunststoffstuhl in dem innovativen Spritzguss-Verfahren bei Vitra in Produktion. Design-Kenner –  oder soll man eher sagen stete Design-Nörgler – bemängeln das matte Aussehen des Kurvenstars. Andere testen die von Vitra angekündigte Strapazierfähigkeiten: Ob Sie sich auch trauen, auf Ihrem bäuchlings liegenden Freischwinger zu hüpfen?

Der Vitra Panton Chair im Test bei Find The Original
Der Vitra Panton Chair im harten Produkttest bei »Find The Original«!

Aber bitte testen Sie nur die neue Polypropylen-Variante! Nicht den »traditionell« hergestellten »Classic« Kunststoffstuhl, der nur lange hält, wenn man zu bravem, aufrechtem Sitzen ohne Ansatz eines Wippens oder Kippelns neigt.

Dieses aufregende Pop-Art Design von Verner Panton aus unverwüstlichen Polypropylen von Vitra für den Innen- und Außenbereich erhalten Sie bei uns in mehreren Farben im

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2 Antworten zu “Skål: Vitra Panton Chair”

  1. […] Konstantin Grcic und Flötotto nun auf das robuste Material Polypropylen. Der Kunststoff lässt den Verner Panton Chair jeden Härtetest bestehen, die Oberfläche übersteht kratzende Nieten und Reißverschlüsse […]

  2. […] Verner Panton neben seinem »Panton Chair« auch spannende Pendelleuchten entworfen hat, fällt angesichts der aufregenden Kurven des Stuhls […]

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